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Hochsensibilität und Überanpassung

  • 10. Juli
  • 5 Min. Lesezeit


Schwarz-Weiß-Aufnahme einer feinfühligen Frau in einer Menschenmenge, die ihre Umgebung und die Stimmungen anderer intensiv wahrnimmt.

Wenn Du alle anderen spürst, nur Dich selbst nicht mehr


Wie geht es den anderen? Was erwarten sie von mir? Ist jemand sauer? Habe ich etwas falsch gemacht?


Vielleicht kennst Du solche Gedanken. Du betrittst einen Raum und bemerkst ziemlich schnell, wie die Stimmung ist. Du spürst, wenn jemand angespannter wirkt als sonst, wenn sich ein Tonfall verändert oder wenn zwischen zwei Menschen etwas unausgesprochen im Raum steht. Manchmal kannst Du gar nicht genau benennen, woran Du es festmachst – und trotzdem nimmst Du wahr: Hier hat sich etwas verändert.


Wenn Du sehr fein auf Deine Umwelt reagierst, kann diese Fähigkeit ganz selbstverständlich zu Dir gehören. Schwierig wird es nicht dadurch, dass Du viel wahrnimmst. Schwierig kann es werden, wenn sich Deine Aufmerksamkeit immer stärker auf das Befinden der anderen richtet und dabei eine wichtige Frage zunehmend in den Hintergrund gerät:


Wie geht es eigentlich mir?


Wenn aus Wahrnehmung Anpassung wird


Hochsensibilität und Überanpassung sind nicht dasselbe. Auch führt Hochsensibilität nicht automatisch dazu, dass ein Mensch sich besonders stark anpasst. Dennoch kann eine ausgeprägte Wahrnehmung für Stimmungen und zwischenmenschliche Veränderungen dazu beitragen, dass Du sehr früh bemerkst, was in Deinem Umfeld passiert.


Vielleicht hast Du gleichzeitig gelernt, dass Harmonie wichtig ist, Konflikte besser vermieden werden sollten oder Deine eigenen Gefühle manchmal „zu viel“ sind.


„Sei doch nicht so empfindlich.“


„Das war doch gar nicht schlimm.“


„Jetzt stell Dich nicht so an.“


Solche Sätze können sich festsetzen. Manchmal braucht es dafür nicht einmal Worte. Ein genervter Blick, ein Augenrollen oder die Erfahrung, dass es für alle leichter ist, wenn Du Deine Bedürfnisse zurückstellst, können ebenfalls eine Botschaft vermitteln.


Irgendwann entsteht vielleicht nicht mehr nur die Frage:

„Was nehme ich gerade wahr?“


Sondern:

„Was muss ich jetzt tun, damit wieder alles in Ordnung ist?“


Und genau dort kann aus feiner Wahrnehmung Überanpassung werden.


Wenn Du Deiner eigenen Wahrnehmung immer weniger vertraust


Wer immer wieder erlebt, dass die eigene Wahrnehmung relativiert oder abgewertet wird, kann anfangen, an sich selbst zu zweifeln.


Du merkst, dass Dir etwas zu viel wird, bleibst aber trotzdem.


Du spürst eine Grenze und gehst darüber, weil Du niemanden enttäuschen möchtest.


Du fühlst Dich verletzt und fragst Dich zuerst, ob Du überhaupt einen Grund dafür hast.


Oder Du bemerkst eine angespannte Stimmung und Deine Gedanken kreisen sofort darum, ob Du vielleicht etwas falsch gemacht hast.


Nach außen wirkst Du möglicherweise besonders unkompliziert, hilfsbereit oder verständnisvoll. Innerlich kostet es jedoch Kraft, ständig zu beobachten, vorauszudenken und abzuwägen, was andere Menschen gerade brauchen könnten.


Und irgendwann weißt Du vielleicht ziemlich genau, wie es allen anderen geht – aber immer weniger, was Du selbst eigentlich brauchst.


Wenn Anpassung einmal eine gute Lösung war


Aus systemischer Sicht finde ich es wichtig, solche Verhaltensweisen nicht vorschnell als falsch oder problematisch zu bewerten. Denn Verhalten entsteht nicht einfach aus dem Nichts. Wir entwickeln Strategien innerhalb unserer Beziehungen, Familien und sozialen Systeme – und häufig hatten diese Strategien irgendwann einen guten Grund.


Vielleicht war es in Deiner Familie wichtig, Stimmungen früh zu erkennen. Vielleicht hat Harmonie Sicherheit vermittelt. Vielleicht gab es wenig Raum für starke Gefühle oder Du hast besonders viel Anerkennung dafür bekommen, vernünftig, hilfsbereit, ruhig oder „pflegeleicht“ zu sein.


Dann kann Anpassung zu einer Strategie werden, mit der Du Zugehörigkeit, Sicherheit oder Anerkennung erfahren hast.


Deshalb finde ich eine andere Frage häufig hilfreicher als:

„Warum bin ich eigentlich so?“


Nämlich:

„Wann könnte es einmal sinnvoll gewesen sein, so zu werden?“


Dieser kleine Perspektivwechsel kann viel verändern. Denn plötzlich betrachten wir unser Verhalten nicht mehr nur als vermeintliche Schwäche, sondern versuchen zu verstehen, welche Funktion es einmal erfüllt hat.


Und anschließend dürfen wir eine weitere Frage stellen:

Brauche ich diese Strategie heute noch genauso?


Wenn Du andere besser spürst als Dich selbst


Vielleicht weißt Du schnell, was Dein Gegenüber braucht, kannst aber kaum beantworten, was Du selbst gerade möchtest. Du merkst sofort, wenn jemand enttäuscht ist, aber erst sehr spät, dass Du selbst längst erschöpft bist. Oder Du nimmst eine angespannte Stimmung wahr und fühlst Dich beinahe automatisch dafür verantwortlich, etwas dagegen zu unternehmen.


Genau hier kann es hilfreich sein, die Aufmerksamkeit langsam wieder ein Stück zu Dir zurückzuholen.


  • Was brauche ich gerade?

  • Was ist mir zu viel?

  • Wo endet meine Verantwortung?

  • Und welche Stimmung gehört eigentlich zu mir – und welche nehme ich lediglich bei einem anderen Menschen wahr?


Eine besonders schwierige Frage kann dabei sein:

Darf jemand enttäuscht, schlecht gelaunt oder unzufrieden mit mir sein, ohne dass ich dafür sorgen muss, dass es dieser Person wieder besser geht?


Das sind keine egoistischen Fragen. Im Gegenteil: Sie können dabei helfen, Verantwortung wieder dorthin zu geben, wo sie hingehört.


Denn Sensibilität bedeutet nicht, für alles verantwortlich zu sein, was Du wahrnimmst.

Du darfst einen angespannten Raum betreten, ohne die Aufgabe zu übernehmen, ihn wieder zu entspannen.


Vielleicht brauchst Du gar kein „dickeres Fell“


Viele sensible Menschen versuchen irgendwann, weniger empfindlich zu werden. Sie möchten gelassener reagieren, weniger nachdenken, sich Dinge nicht so zu Herzen nehmen und endlich „belastbarer“ sein.


Doch vielleicht ist Deine Sensibilität gar nicht das eigentliche Problem.


Vielleicht brauchst Du nicht weniger Wahrnehmung, sondern mehr Sicherheit im Umgang mit Deiner Wahrnehmung.


Es kann darum gehen, Grenzen früher zu erkennen, eigene Bedürfnisse wieder ernster zu nehmen und auszuhalten, dass ein Nein möglicherweise jemanden enttäuscht. Denn eine Grenze verliert nicht ihre Berechtigung, nur weil ein anderer Mensch sie nicht gut findet.


Nach und nach darf eine neue Erfahrung entstehen:

Ich kann wahrnehmen, wie es anderen geht, ohne mich automatisch dafür verantwortlich zu fühlen.


Das bedeutet nicht, weniger empathisch oder weniger feinfühlig zu werden. Es bedeutet vielmehr, dass neben all den anderen Menschen langsam wieder jemand in Deinem Blickfeld auftaucht:

Du selbst.


Buchempfehlung: Wenn Du lernen möchtest, Grenzen ernster zu nehmen


Wenn Du Dich besonders im Thema Überanpassung wiedererkennst, möchte ich Dir „Das Kind in dir muss Heimat finden“ von Stefanie Stahl als gut zugängliche Buchempfehlung mitgeben.


Das Buch beschäftigt sich unter anderem damit, wie Erfahrungen aus unserer Kindheit unser heutiges Selbstbild, unsere Beziehungen und wiederkehrende Verhaltensmuster beeinflussen können. Gerade wenn Du häufig versuchst, es anderen recht zu machen, Konflikte vermeidest oder Deine eigenen Bedürfnisse schnell zurückstellst, können einige der Reflexionsfragen interessante Denkanstöße geben.


Dabei gilt auch hier: Ein Buch muss nicht jede Deiner Erfahrungen erklären und nicht jede Beschreibung muss zu Dir passen. Nimm vielmehr das mit, was Dir hilft, Dich selbst und Deine bisherigen Strategien etwas besser zu verstehen.


Denn Selbstreflexion bedeutet nicht, einen Schuldigen für die Vergangenheit zu suchen.


Es kann vielmehr bedeuten, zu verstehen:

Was habe ich einmal gebraucht – und was brauche ich heute?


Eine kleine Übung für Deinen Alltag


Wenn Du das nächste Mal bemerkst, dass sich die Stimmung eines Menschen verändert und Du sofort den Impuls verspürst, etwas zu tun, halte für einen Moment inne.


Frag Dich zunächst:

„Was nehme ich gerade wahr?“


Danach:

„Was davon liegt tatsächlich in meiner Verantwortung?“


Und schließlich:

„Was brauche ich gerade?“


Zwischen Wahrnehmen und Reagieren darf Raum entstehen. Du musst Deine Feinfühligkeit nicht verlieren, um besser auf Dich selbst achten zu können.


Vielleicht geht es gar nicht darum, weniger von anderen wahrzunehmen.


Vielleicht geht es darum, Dich selbst dabei nicht mehr zu überhören.


Im dritten Teil dieser Reihe schauen wir darauf, warum Hochsensibilität nicht nur Belastung bedeuten muss und welche Ressourcen sich hinter einer feinen Wahrnehmung verbergen können.


Herzlichst


Steffi

offen gesprochen. – Raum für Klarheit

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