Hochsensibel – oder einfach zu empfindlich?
- 6. Juli
- 4 Min. Lesezeit

„Du bist einfach zu empfindlich.“
Ein Satz, der schnell gesagt ist und sich trotzdem ziemlich tief festsetzen kann. Vielleicht kennst Du auch Sätze wie: „Nimm Dir doch nicht immer alles so zu Herzen“, „Du denkst viel zu viel darüber nach“ oder „Du brauchst wirklich ein dickeres Fell“.
Wer solche Botschaften immer wieder hört, beginnt möglicherweise irgendwann selbst daran zu zweifeln, ob mit der eigenen Wahrnehmung etwas nicht stimmt. Vielleicht fragst Du Dich, warum Dich bestimmte Situationen länger beschäftigen, warum Du Stimmungen so schnell bemerkst oder weshalb Dir ein voller, lauter Tag deutlich mehr Energie nimmt als anderen.
Doch was, wenn Du nicht zu viel wahrnimmst, sondern schlicht mehr und intensiver verarbeitest?
Was ist Hochsensibilität überhaupt?
Im wissenschaftlichen Zusammenhang wird bei Hochsensibilität häufig von Sensory Processing Sensitivity (SPS)gesprochen. Das Konzept wurde insbesondere durch die Psychologin Elaine Aron und ihre Forschungsarbeit bekannt.
Dabei ist eine Unterscheidung besonders wichtig: Hochsensibilität ist keine psychische Erkrankung und keine medizinische Diagnose. Vielmehr wird SPS als Temperaments- beziehungsweise Persönlichkeitsmerkmal erforscht. Vereinfacht gesagt unterscheiden wir Menschen uns darin, wie sensibel wir auf Reize und Einflüsse unserer Umwelt reagieren und wie intensiv wir diese anschließend verarbeiten.
Dabei geht es keineswegs nur darum, helles Licht, Geräusche, Gerüche oder Berührungen stärker wahrzunehmen. Auch zwischenmenschliche Situationen können sehr intensiv erlebt werden. Vielleicht bemerkst Du einen veränderten Tonfall, obwohl Dein Gegenüber sagt, dass alles in Ordnung sei. Du spürst eine angespannte Atmosphäre in einem Raum oder nimmst einen Gesichtsausdruck wahr, der für andere kaum von Bedeutung zu sein scheint.
Manchmal ist es auch einfach dieses schwer zu beschreibende Gefühl:
„Irgendetwas stimmt hier gerade nicht.“
Und während Du längst eine Veränderung wahrgenommen hast, scheint sie anderen noch gar nicht aufgefallen zu sein.
Hochsensibel bedeutet nicht automatisch „sehr emotional“
Hochsensibilität wird schnell darauf reduziert, dass jemand häufiger weint, Kritik schlechter verträgt oder besonders emotional reagiert. Das greift jedoch deutlich zu kurz.
Eine höhere Sensitivität kann auch bedeuten, Informationen, Eindrücke und Situationen intensiver zu verarbeiten. Das kann wunderschöne Seiten haben, gleichzeitig aber auch anstrengend sein. Ein Tag voller Termine, viele Gespräche, Lärm, soziale Kontakte, Konflikte oder die ständige Erreichbarkeit können dazu führen, dass das Bedürfnis nach Ruhe und Rückzug früher entsteht.
Und genau an diesem Punkt wird aus einem persönlichen Merkmal schnell eine gesellschaftliche Bewertung.
Wir leben in einer Welt, in der Eigenschaften wie Belastbarkeit, Durchsetzungsvermögen und Leistungsfähigkeit häufig positiv bewertet werden. Wir sollen schnell entscheiden, möglichst viel gleichzeitig schaffen, Kritik nicht persönlich nehmen und nach einem anstrengenden Tag am besten trotzdem noch funktionieren.
Wer dagegen sagt: „Mir ist das gerade zu viel“, wird schnell als empfindlich, kompliziert oder wenig belastbar wahrgenommen.
Vielleicht lohnt es sich deshalb, die Perspektive einmal umzudrehen:
Was, wenn „zu viel wahrnehmen“ manchmal auch bedeutet, besonders viel wahrnehmen zu können?
Wenn aus Sensibilität ein Stigma wird
Problematisch wird Sensibilität aus meiner Sicht nicht allein dadurch, dass ein Mensch intensiver wahrnimmt. Schwierig kann es werden, wenn diese Wahrnehmung über viele Jahre immer wieder negativ bewertet wird.
Denn irgendwann braucht es vielleicht gar niemanden mehr, der sagt: „Du bist zu empfindlich.“
Du sagst es Dir selbst.
Du bemerkst, dass Dir eine Situation zu viel wird, und denkst: Ich muss mich einfach zusammenreißen. Du bist nach einem vollen Tag erschöpft und fragst Dich, warum andere scheinbar viel mehr schaffen. Du spürst eine Spannung zwischen Menschen und zweifelst anschließend daran, ob Du Dir das vielleicht nur eingebildet hast.
So kann aus Sensibilität nach und nach Selbstkritik entstehen.
Und genau deshalb finde ich es wichtig, Hochsensibilität weder abzuwerten noch zu romantisieren.
Sensibilität braucht keine Bewertung
Hochsensibilität ist weder automatisch eine Schwäche noch eine Superkraft. Sie ist zunächst eine individuelle Form der Wahrnehmung und Verarbeitung.
Aus systemischer Sicht finde ich dabei besonders spannend, in welchem Umfeld Sensibilität stattfindet und welche Bedeutung sie dort bekommt.
Ein Mensch, der sehr viel wahrnimmt, kann in einer dauerhaft lauten, hektischen oder konfliktreichen Umgebung ganz andere Erfahrungen machen als in einem Umfeld, in dem Rückzug, Grenzen und unterschiedliche Bedürfnisse selbstverständlich akzeptiert werden.
Vielleicht ist deshalb nicht nur die Frage interessant:
„Bin ich zu sensibel?“
Sondern vielmehr:
„In welchen Situationen wird meine Sensibilität zur Belastung – und in welchen ist sie eine Ressource?“
Vielleicht bist Du besonders aufmerksam für Zwischentöne. Vielleicht bemerkst Du Veränderungen früh, kannst Dich gut in andere Menschen hineinversetzen oder nimmst Stimmungen sehr differenziert wahr. Gleichzeitig brauchst Du möglicherweise nach intensiven Situationen mehr Zeit, um all diese Eindrücke zu verarbeiten.
Beides darf nebeneinander existieren.
Es geht nicht darum, Hochsensibilität ausschließlich positiv zu betrachten. Es geht darum, aufzuhören, sie automatisch negativ zu bewerten.
Buchempfehlung: Wenn Du Dich intensiver mit Deiner Sensibilität beschäftigen möchtest
Wenn Du Dich in diesem Beitrag wiedererkennst und mehr über das Thema erfahren möchtest, ist „Sind Sie hochsensibel?“ von Elaine N. Aron ein guter Einstieg.
Elaine Aron gehört zu den bekanntesten Forscherinnen auf diesem Gebiet und hat den Begriff Highly Sensitive Personmaßgeblich geprägt. Ihr Buch verbindet Hintergrundwissen mit vielen Beispielen und Anregungen zur Selbstreflexion.
Dabei würde ich Dir empfehlen, das Buch nicht wie einen Test zu lesen, an dessen Ende unbedingt die Antwort „Ich bin hochsensibel“ oder „Ich bin es nicht“ stehen muss.
Vielleicht ist eine andere Frage viel hilfreicher:
„Was erkenne ich darin über mich und meine Bedürfnisse?“
Denn am Ende geht es nicht darum, Dir ein neues Etikett zu geben. Es geht darum, Dich selbst etwas besser verstehen zu können.
Eine kleine Frage für Dich
Wenn Du Dich hier wiedererkennst, nimm Dir einen Moment und frage Dich:
Wann empfinde ich meine Sensibilität als Belastung – und wann hat sie mir schon geholfen, etwas wahrzunehmen, das andere zunächst übersehen haben?
Vielleicht liegt zwischen diesen beiden Antworten mehr, als Du bisher gedacht hast.
Und vielleicht darf aus dem Gedanken „Ich bin einfach zu empfindlich“ irgendwann ein anderer werden:
„Ich nehme viel wahr. Und ich darf lernen, gut damit umzugehen.“
Im zweiten Teil dieser Reihe geht es darum, was passieren kann, wenn sensible Menschen sehr früh lernen, sich ihrer Umgebung anzupassen – und irgendwann besser spüren, was andere brauchen, als das, was sie selbst brauchen.
Herzlichst
Steffi
offen gesprochen. – Raum für Klarheit



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