Scham bei Lipödem – Warum viele Frauen sich zurückziehen und warum Du Dich dafür nicht schämen musst
- 21. Mai
- 6 Min. Lesezeit

„Ich weiß, dass ich nichts dafür kann. Und trotzdem schäme ich mich.“
Dieser Satz begleitet viele Frauen mit Lipödem – oft im Stillen, manchmal auch hörbar und laut.
Er zeigt sich beim Blick in den Spiegel. Beim Griff zur langen Hose, obwohl draußen 30 Grad sind. Im Schwimmbad, wenn Du Dich fragst, ob die Blicke der anderen wirklich Deinen Beinen gelten. Oder in dem Moment, in dem eine Frau mit vermeintlich makellosen Beinen vor Dir herläuft und Du plötzlich das Gefühl hast, selbst kleiner zu werden.
Gerade eben war noch alles in Ordnung. Und auf einmal meldet sich diese innere Stimme:
"Warum sehen meine Beine nicht so aus?"
"Warum kann ich meinen Körper nicht einfach akzeptieren?"
"Warum trifft mich das immer noch so?"
Vielleicht kennst Du genau diese Momente.
Und vielleicht kennst Du auch das Gefühl, Dich dafür zu schämen, dass Dich das überhaupt so beschäftigt.
Wenn ja, dann möchte ich Dir zuerst eines sagen:
Du bist damit nicht allein.
Scham ist mehr als ein unangenehmes Gefühl
Scham gehört zu unseren stärksten sozialen Emotionen. Sie begleitet uns Menschen seit jeher und erfüllt ursprünglich eine wichtige Aufgabe: Sie schützt unsere Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft. Wer sich ausgegrenzt fühlt oder Angst hat, nicht dazuzugehören, erlebt häufig Scham.
Während Schuld meist sagt:
„Ich habe etwas falsch gemacht.“
erzählt Scham eine andere Geschichte:
„Mit mir stimmt etwas nicht.“
Und genau deshalb fühlt sie sich so schwer an.
Sie richtet sich nicht gegen unser Verhalten, sondern gegen unser Selbstbild.
Für viele Frauen mit Lipödem entsteht dadurch ein schmerzhafter innerer Konflikt. Denn der Verstand weiß:
„Ich habe eine chronische Erkrankung. Ich hab mir das ja auch nicht ausgesucht.“
Das Gefühl antwortet jedoch:
„Und trotzdem schäme ich mich.“
Scham folgt nicht immer der Vernunft. Gefühle lassen sich nicht einfach durch Wissen ausschalten. Sie entstehen durch Erfahrungen, die wir gemacht haben – und durch die Bedeutung, die unser Gehirn diesen Erfahrungen gibt.
Warum Scham bei Lipödem so häufig entsteht
Lipödem betrifft nicht nur den Körper.
Es betrifft häufig auch das Selbstbild.
Viele Betroffene erleben über Jahre hinweg Situationen, in denen sie sich erklären oder rechtfertigen müssen.
Vielleicht kennst Du Aussagen wie:
"Du musst einfach abnehmen."
"Mach doch einfach mehr Sport."
"So schlimm sieht das doch gar nicht aus." "Das bisschen Wasser - das hab ich im Sommer auch manchmal"
Oder Du erinnerst Dich an den Arzttermin, bei dem Deine Beschwerden nicht ernst genommen wurden.
An einen gut gemeinten Ratschlag.
An einen Blick, der sich länger auf Deinen Beinen hielt, als Dir lieb war.
Vielleicht war keine dieser Situationen für sich genommen besonders schlimm.
Doch unser Gehirn speichert Erfahrungen. Und wenn wir immer wieder erleben, bewertet oder missverstanden zu werden, entsteht irgendwann eine innere Geschichte über uns selbst.
Nicht bewusst.
Sondern ganz leise.
Die systemische Perspektive geht davon aus, dass Gefühle immer kontextabhängig sind. Sie entwickeln sich immer im Zusammenhang mit unseren Beziehungen, unseren Erfahrungen und dem Umfeld, in dem wir leben.
Scham ist deshalb keine persönliche Schwäche.
Sie ist häufig eine verständliche Reaktion auf wiederholte Erfahrungen von Bewertung, Unverständnis oder Ausgrenzung.
Wenn Selbstkritik die Scham immer wieder einlädt
Das Schwierige an Scham bei Lipödem ist, dass sie sich oft selbst verstärkt.
Manchmal reicht bereits ein einziger Moment.
Du gehst durch die Stadt und vor Dir läuft eine Frau in einem kurzen Sommerkleid.
Ihre Beine wirken glatt, schlank und unbeschwert.
Und obwohl Du gerade eben noch einen schönen Tag hattest, verändert sich plötzlich etwas.
Du beginnst zu vergleichen!
Vielleicht unbewusst.
Vielleicht ganz automatisch.
"Warum sehen ihre Beine so aus und meine nicht?"
"Warum fällt mir das immer noch so schwer?"
"Warum kann ich mich nicht einfach annehmen?"
In diesem Moment spricht häufig nicht die Realität.
Es spricht die Selbstkritik.
Und Selbstkritik ist einer der stärksten Verbündeten der Scham.
Sie erinnert uns an vermeintliche Makel.
Sie vergrößert das, was wir an uns ablehnen.
Und sie lässt uns vergessen, wie wir mit einem geliebten Menschen sprechen würden.
Dabei ist unser Blick auf uns selbst selten objektiv oder allparteilich.
Wir vergleichen unseren verletzlichsten Blick auf uns selbst mit dem äußeren Erscheinungsbild eines anderen Menschen, dessen Geschichte und Ausgangssituation eine andere ist.
Was Brené Brown über Scham sagt
Die amerikanische Schamforscherin Dr. Brené Brown beschäftigt sich seit vielen Jahren mit den Themen Scham, Verletzlichkeit und Mitgefühl.
Ein Zitat von ihr, das ich besonders gut finde:
„Scham kann nicht überleben, wenn sie mit Empathie in Berührung kommt.“
Dieser Gedanke ist ebenso einfach wie kraftvoll.
Denn Scham lebt von drei Dingen:
Sie wächst im Schweigen.
Sie wächst in Geheimnissen.
Und sie wächst dort, wo wir glauben, mit unseren Gefühlen allein zu sein.
Empathie bewirkt genau das Gegenteil - Sie schafft Verbindung.
Sie sagt:
„Ich sehe Dich.“
„Ich glaube Dir.“
„Du musst Dich nicht erklären.“
Vielleicht ist genau das der Grund, warum ein wertschätzendes Gespräch manchmal so entlastend sein kann.
Nicht weil es die Erkrankung verändert.
Sondern weil es den Blick auf Dich selbst verändern kann.
Ein systemischer Blick auf Scham
In der systemischen Beratung betrachten wir nicht nur das Gefühl selbst, sondern auch die Geschichte, die dahintersteht.
Denn Gefühle entstehen immer in einem Zusammenhang.
Vielleicht hast Du über viele Jahre gelernt, Deinen Körper mit den Augen anderer zu betrachten oder hast früh erfahren, wie Aussehen gesellschaftlich bewertet wird oder welcher vermeidliche Körpertrend gerade wieder angesagt ist.
Vielleicht hast Du irgendwann begonnen, dieselben Maßstäbe an Dich selbst anzulegen.
Wenn wir beginnen, diese Zusammenhänge zu verstehen, verändert sich häufig etwas.
Nicht weil das Lipödem verschwindet.
Sondern weil aus Selbstvorwürfen langsam Verständnis entstehen darf.
Vielleicht erkennst Du Dich gerade wieder
Vielleicht hast Du beim Lesen an einen bestimmten Moment gedacht.
An eine Umkleidekabine.
An den letzten Sommerurlaub.
An einen Arzttermin.
Oder an den Blick in den Spiegel heute Morgen.
Wenn ja, dann möchte ich Dir eines mitgeben:
Dieses Gefühl macht Dich weder schwach noch undankbar.
Es macht Dich menschlich!
Scham folgt nicht immer der Vernunft. Sie entsteht häufig dort, wo wir über lange Zeit bewertet, beschämt, missverstanden oder mit unrealistischen Erwartungen und Körperbildern konfrontiert wurden.
Dass Du weißt, dass Du nichts für Dein Lipödem kannst, schützt Dich deshalb nicht automatisch vor Scham. Aber dieses Wissen kann der erste Schritt sein, Dir selbst mit etwas mehr Verständnis zu begegnen.
Du musst diesen Weg nicht alleine gehen
Vielleicht hast Du lange versucht, all diese Gedanken mit Dir selbst auszumachen.
Vielleicht aus Angst, nicht verstanden zu werden.
Oder weil Du glaubst, andere hätten „größere Probleme“.
Doch Gefühle lassen sich selten wegdenken.
Sie möchten gesehen werden.
Sie möchten verstanden werden.
Und manchmal brauchen sie einfach einen geschützten Raum, in dem sie ausgesprochen werden dürfen.
Genau diesen Raum möchte ich Dir in meiner Beratung geben!
Einen Ort, an dem Du nichts erklären oder rechtfertigen musst.
An dem nicht Dein Körper im Mittelpunkt steht, sondern Du als Mensch.
Mit Deiner Geschichte.
Deinen Erfahrungen.
Deinen Verletzungen.
Aber auch mit all den Stärken und Ressourcen, die vielleicht gerade von der Scham überdeckt werden.
Denn Du bist so viel mehr als eine Diagnose!
Ein kleiner Impuls für Dich
Wenn Du magst, nimm Dir heute Abend oder in den nächsten Tagen einen ruhigen Moment nur für Dich.
Vielleicht mit einer Tasse Tee oder während eines Spaziergangs.
Denke an den letzten Moment, in dem Du Dich für Deinen Körper geschämt hast.
Und frage Dich ganz in Ruhe:
Wie würde ich mit einer guten Freundin sprechen, wenn sie mir genau diese Geschichte erzählen würde?
Vielleicht bemerkst Du dabei etwas.
Dass Du mit Dir selbst oft viel strenger bist als mit jedem anderen Menschen.
Und vielleicht darf genau dort etwas Neues entstehen.
Nicht, indem Du Deinen Körper von heute auf morgen lieben musst.
Sondern indem Du beginnst, Dir selbst mit derselben Freundlichkeit zu begegnen, die Du anderen so selbstverständlich schenkst.
Ein Gedanke zum Schluss
Vielleicht wirst Du Deine Beine oder Arme morgen noch genauso sehen wie heute.
Vielleicht wirst Du sie morgen noch nicht lieben.
Das musst Du auch gar nicht.
Vielleicht reicht es für heute, wenn Du aufhörst, gegen Dich selbst zu kämpfen.
Vielleicht reicht es, wenn Du Dir erlaubst, Deinen Körper nicht länger nur mit den Augen anderer zu betrachten.
Und vielleicht begleitet Dich dabei noch einmal ein Gedanke von Brené Brown:
„Scham kann nicht überleben, wenn sie mit Empathie in Berührung kommt.“
Ich wünsche Dir von Herzen, dass diese Empathie nicht nur von anderen kommt, sondern mit der Zeit auch in Deiner eigenen inneren Stimme einen Platz findet.
Denn Dein Wert beginnt nicht dort, wo Dein Körper einem Schönheitsideal entspricht.
Er war nie davon abhängig.
Von Herzen alles Liebe
Steffi
offen gesprochen. – Raum für Klarheit




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